Structural Shift. Confidence. Reverse.

27. February 2026 - 08. March 2026
19:00 -20:00 Uhr

KUNST IM KONTEXT SEXUALISIERTER MACHT

Mit: Hoda Tawakol, Signe Raunkjaer Holm, Katharina Kohl, Franziska Nast, Si-Ying Fung, Bianca Daniel, sowie der Performancegruppe Cuntlets mit Sandra Bayer Halina Rahdjian, Kristin Winzer, Mayra Jenzer Azevedo und Nargis Kurtkaya
Im Rahmen der Ausstellung wird ein Film von Louise Bourgeois gezeigt.

Kuration: Dagmar Rauwald (Künstlerin) in Kooperation mit Laura Harlass * (Kunsthistorikerin und Galeristin)

VERNISSAGE: 27. Februar 2026  ab 19:00

mit einem Vortrag: Prof. Dr. Heidi Salaverria, Philosophin und KulturschaffendeMit einem einführenden Gespräch von Laura Harlass und Dagmar Rauwald

8. MÄRZ um 15:00 VORTRAG PROF. DR. HEIDI SALAVERRÌA, Philosophin und Kulturschaffende

                um 17:00  Drag King Performance Cuntlets

DAUER: 28. Februar – 8. MÄRZ  FR-SO 17:00 bis 19:00

Structural Shift. Confidence. Reverse. ist das neunte Projekt der Ausstellungsreihe „Sexed Power | Kunst im Kontext sexualisierter Macht“. Seit der Initiierung 2018 im MOM art space wird die Ausstellung jährlich rund um den Weltfrauentag realisiert. In diesem Jahr stehen die Begriffe Structural Shift, Confidence und Reverse im Fokus. Die Ausstellung untersucht die Relevanz dieser Konzepte für feministische und queer-feministische Perspektiven und Forderungen – als Begriffe politischer Analyse und künstlerischer Praxis.
Im vergangenen Jahr wurden wir Zeug*innen eines prägnanten Zusammenspiels von Sprache und Macht: In den USA veröffentlichte die Trump-Administration eine Liste von Wörtern, die künftig im offiziellen Sprachgebrauch vermieden werden sollten. DiversityGender IdentityClimate CrisisRacismEquality – zentrale Begriffe emanzipatorischer Bewegungen – wurden systematisch von Webseiten staatlicher Institutionen entfernt oder sprachlich entkernt.
Das Vorgehen stellt eine Form indirekter Zensur dar, die über Angst und Unsicherheit eine Atmosphäre der Selbstzensur schafft. Besonders betroffen sind Trans Menschen und LGBTQ+-Personen.
Dieser politisch forcierte Structural Shift (Strukturwandel) ist nicht auf die USA begrenzt. Auch in Europa ist er spürbar. Die zunehmende Akzeptanz populistischer und offen misogyner Akteure, der anhaltende politische Erfolg einer rechtsradikalen Partei in Deutschland, die Eskalation rechter Gewalt: All das steht in eklatantem Widerspruch zu den sensiblen, komplexen und oft mühsam errungenen Awareness-Diskursen des intersektionalen Feminismus.
Gleichzeitig beobachten wir eine Reaktivierung rückwärtsgewandter Geschlechterbilder: Frauen werden erneut über traditionelle Rollen definiert, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt wird delegitimiert. Diese Bewegung – Reverse (Umkehr) – ist kein Zufall, sondern Strategie:
Die Figur der Frau ist besonders als Figur der jungen Frau stark. Die Jugend wird im übertragenen Sinne mit Neugier verbunden, das weiblich sein mit der Fähigkeit, neue Konsumenten reproduzieren zu können. Insesondere von rechten Kräften werden die Re-Naturalisierung von Hierarchien, die Kontrolle von Körpern, die Rücknahme feministischer Errungenschaften gefordert. In der Folge werden queere Menschen, insbesondere Transpersonen, aber auch ältere Frauen verstärkt marginalisiert. Altersdiskriminierung und Sexismus greifen ineinander.
Doch inmitten dieser Dynamiken öffnet sich auch ein anderer Möglichkeitsraum: Confidence – ein selbstbewusstes, widerständiges Selbstverständnis, das aus kollektiver Erfahrung, intergenerativem Austausch und künstlerischer Reflexion wächst.

Seit Beginn unserer Projektreihe 2018 beziehen wir uns dabei auf ein emanzipatorisches Modell weiblicher Beziehungen aus den 1970er Jahren: das Affidamento – eine politische Praxis der Philosophinnen der Libreria delle donne di Milano. Dabei vertraut sich eine Frau bewusst einer anderen, erfahreneren Frau an. Autorität entsteht nicht durch Macht oder Position, sondern durch Anerkennung in einer asymmetrischen, aber solidarischen Beziehung. Weibliche Freiheit entfaltet sich durch Verbindung, Dialog und gegenseitige Bestärkung – als Alternative zu männlich geprägten Machtordnungen. Weibliche Freiheit als Grundlage einer neuen symbolischen Sprache und Einschreibung in eine auch weibliche Geschichte (Existenz).
Der intergenerative Dialog ist daher kein Nebenaspekt, sondern konstitutiver Bestandteil unserer Praxis. Mit der bewussten Einbeziehung von künstlerischen Positionen aus den 1970er Jahren wird eine feministische Linie verfolgt – als Hommage, als lebendige Erinnerung, als Ausgangspunkt neuer Wege.

In diesem Jahr zeigen wir im Rahmen der Ausstellung den Film „Peels a Tangerine“ von Louise Bourgeois.
Eine Dokumentation einer persönlichen Erinnerung aus ihrer Kindheit. Ihr Werk kreist um das Alter als Thema – in Verbindung mit Weiblichkeit, Körperlichkeit und Erinnerung. Der alternde weibliche Körper erscheint bei Bourgeois nicht als Verlust, sondern als Speicher von Geschichte, Begehren, Trauma und Stärke.
Hätte Bourgeois die politische Bühne der Trump-Ära erlebt, wäre sie zweifellos eine kompromisslose, poetisch-unmissverständliche Stimme einer feministischen Gegenmacht gewesen.
Ihr Werk steht exemplarisch für das Spannungsverhältnis zwischen Rückschritt und Selbstermächtigung – zwischen Reverse und Confidence – und verweist auf die Notwendigkeit, strukturelle Verschiebungen nicht nur zu erkennen, sondern aktiv zu gestalten.
Der intergenerative Dialog wurde und wird gelebt –als geteilte Erfahrung und kollektive Analyse der Gegenwart. Ein Beispiel dafür ist auch die Performance Cuntlets der jungen Künstler*innen Halina Rahdjian, Kristin Winzer, Mayra Jenzer Azevedo, Nargis Kurtkaya und Sandra Bayer aus Österreich. Inspiriert von Viktoria Tremmels Werk Come Again A Bit Freddy setzen sie sich mit queerer (Un-)Sichtbarkeit und (Un-)Lesbarkeit in der Geschichtsschreibung auseinander. Tremmel präsentiert darin Auszüge aus den Tagebüchern von Anne Lister – einer aristokratischen Lesbe des 19. Jahrhunderts – kombiniert mit eigenen künstlerischen Arbeiten. Die Performance spielt mit der Spannung zwischen Verbergen und Offenlegen: Listers intime Notizen waren verschlüsselt, verborgen, entschlüsselt – und schließlich öffentlich gemacht worden.

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