DIE DINGE DES LEBENS
Katrin Kampmann / Virginie Mossé / Oliver Ross
Galerie Speckstraße / eingeladen von Dagmar Rauwald
19. August – 2. September 2012
Eröffnung: Samstag, 18. August 2012, um 19 Uhr
kuratiert von Alexander Stumm
In Verbindung mit dem dritten Geburtstag des Gängeviertels zeigt die Galerie in der Speckstraße neue Arbeiten der Künstler(innen) Katrin Kampmann, Virginie Mossé und Oliver Ross. Der Titel der Ausstellung Die Dinge des Lebens ist eine Referenz an die gleichnamige Verfilmung von Claude Sautet. Die Geschichte, als Reflexion und Rückschau eines sterbenden Mannes irgendwo zwischen Erinnerung und Traum, entwirft in scheinbar nebensächlichen Episoden ein ausgefülltes Leben. Die Arbeiten drehen sich um die Vorstellungen von Traum, als unbewusstes Trugbild oder visionäre Erscheinung, und Wirklichkeit, in ihrer Konstruktion durch rationale Selektion.
Katrin Kampmann (lebt und arbeitet in Berlin) nimmt für ihre Arbeiten
Vorlagen berühmter, teils historischer Personen, teils fiktiver Figuren der
Literaturgeschichte und zitiert diese in ihren Portraits und Landschaften, von Alice im Wunderland über Hans Castorp bis zum Warten auf G. Für diese Ausstellung setzt sich die Künstlerin in neuen Ölgemälden, Aquarellen und Fotografien mit dem Film Die Dinge des Lebens auseinander. Hélène (2012) zeigt Romy Schneider im klassischen Dreiviertel Portrait im Wagen von Michel Piccoli (der wenige Stunden später der Schauplatz seines Unfalls sein wird) mit abgeklärten Blick und verhalten, heiterem Lächeln. Das Ölgemälde weist auf das Sinnbild des Glückes zwischen den beiden, ein müßig ausgelassener Fahrradausflug. Bei Kampmann verschwimmt die Szene, mit Öl und Aquarelltechnik aufgetragen, in abstrakt verlaufenden Farbflächen. Der Gedanke des Unfertigen, des nicht Abgeschlossenen zieht sich als Leitfaden durch ihr Werk. Die Figuren im Negativ erscheinen wie Phantome, Empfindungen zwischen Traumhaftem und Memento. Eine Photoarbeit, mit einer Lochkamera aufgenommen, zitiert das traditionelle Motiv der Erinnerung an die eigene Sterblichkeit, das Stillleben. Eine Uhr, Zigaretten im Aschenbecher, die Abbildung eines Unfalltoten auf einem Magazincover sind hier als moderne Verweise und Vorausschau auf das Ende festgehalten.
Die „schicksalslos bunten“ Arbeiten von Oliver Ross (lebt und arbeitet in
Hamburg) spielen mit der unmittelbaren Wahrnehmung visueller Reize und ihrer
kognitiven Aufnahme – die in intensiver Farbigkeit verschlungenen abstrakten
Formen treffen auf das konkrete Wort, Ideen zwischen existenziellen oder
philosophischen Begriffen und primitiven Geschmacklosigkeiten. Eine Gemischtwarenabteilung kunsthistorischer Strömungen, als ein komplex
komponierter Kampf auf offener Fläche zwischen poppigem Kolorit und konzeptueller Terminologie. Die Arbeit als Prozess, als visuelles Übermaß und ästhetische Irritation, um wach zu bleiben. Licht als Metapher für Erkenntnis, abgegriffen und banal wie die per Fernbedingung einstellbaren LED-Lichterketten aus dem Baumarkt. Nach Wunsch in harmonischen Farbverläufen oder in stroboskopischem Disko- Modus.
In einer Szene zu Beginn des Films sitzt Romy Schneider für eine Übersetzungsarbeit an ihrer Schreibmaschine und scheitert an dem Begriff „erfinden“ – affabuler, den sie orthographisch falsch mit einem »f« wiedergibt. Die Problematik der Übersetzung zwischen Gedanke, Bild und Text und die Unweigerlichkeit (linguistischer bzw. ideeller) Fehler stehen auch in Ross Arbeiten. Das Erfinden, im Sinne künstlerischer Schöpferkraft, ist dieses Nachdenken über die Dinge des Lebens zwischen rationaler Reflexion und imaginativer Rekonfiguration. Zwischen Benennen und Dichten. Letztlich nicht nur die Frage nach, sondern auch das Infragestellen von Bedeutsamkeiten. Das Wissen um die Unvereinbarkeit, diese in Bilder umzusetzen und in Worte zu fassen. Und es dann trotzdem zu machen.
Die weichen Stoffarbeiten von Virginie Mossé (lebt und arbeitet in Berlin) hängen in ihrer formalen Präsenz von der Decke. Zweifellos gegenwärtig, aber ohne die Frage nach Zweckmäßigkeit oder Bedeutung zu stellen. Man nimmt sie an wie Objekte im Traum. Ein anderes weißes, wie fließendes Objekt hängt an der Wand. An manchen Tagen sollte man sich nicht davor fürchten das Unbeschreibliche zu benennen (2009), so der Titel, macht den Anspruch deutlich: es geht auch hier, selbstverständlich ironisch aber nicht nur, um das große Paradoxon. Ebenso eindringlich entwickeln dies ihre Arbeiten aus Textfragmenten mit (abgewandelten) Sinnsprüchen und philosophischen Gedankensplittern. The only secret truth is that there are no secret truths zitiert den Astrophysiker Carl Sagan, der nicht zuletzt für die Gestaltung der »Voyager Golden Record« bekannt ist, die an Bord der amerikanischen Raumsonden eine friedliche Botschaft der Menschheit an außerirdisches Leben an die Grenzen unseres Sonnensystems transportiert. Die Message als eine hochgradig selektierte Auswahl der wichtigsten Ereignisse der Menschheit. Die Frage nach der Wahrhaftigkeit und den Grenzen unserer Wahrnehmung stellt auch Mossés Druckgrafik outside (2012). Ein Pilger, mit letzten Kräften am Rande der modernen Großstadtwelt, mit ihren Verkehrsstaus und mit überdimensionalen Werbebannern verhängten Hochhausfassaden, angekommen, sieht die wahren Mechanismen des Universums. Als Vorlage dient eine berühmt gewordene Abbildung aus der von Camille Flammarion herausgegebenen »L'Atmosphère: Météorologie populaire« (1888). Der Holzschnitt in Manier des 15. Jahrhunderts sollte die mystischen Wahnideen der Vorzeit illustrieren, wovon es sich als Mensch der Aufklärung im 19. Jahrhundert freilich zu distanzieren galt. Erst in der 1970er Jahren wurde entdeckt, dass der Holzschnitt keineswegs mittelalterlich, sondern von Flammarion selbst in Auftrag gegeben war. Die Konstruktion von ahnungslosem Mittelalter und kritisch aufgeklärt-liberaler Neuzeit zerbröselt. Diese Erkenntnis stellt über eine kunsthistorische Exkursion letztlich wieder Frage: nach den Dingen des Lebens und wie wir leben wollen.